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Biografie

Als ein zum Islam konvertierter Jude hat Muhammad Asad mit seiner Übersetzung des Koran ins Englische Islamgeschichte geschrieben und gilt bis heute als Brückenbauer zwischen Religionen und Kulturen. Wer war Muhammad Asad, der 1900 als Leopold Weiss geboren wurde, 1992 in Spanien starb und in Granada begraben ist? Ein Grenzgänger zwischen den Kulturen, über den man viel zu wenig weiß - soviel steht fest - ein Orientreisender, den sein späterer Weg nicht nur durch die islamische Welt von Marokko über Ägypten und Saudi-Arabien bis nach Persien, Afghanistan und Pakistan, sondern immer wieder auch in den Westen führte. Doch Muhammad Asads wichtigste Route kann man nicht auf einer Landkarte verfolgen: man muss dazu in die Geisteswelt des Islam eintauchen, denn diese Reise durchkreuzt die Grenzen der Kulturen.

Geboren wurde Leopold Weiss in einer jüdischen Familie, die in Lemberg, Galizien, lebte. Die Stadt, die damals zu Österreich gehörte, liegt heute in der Ukraine. Der Vater war Advokat, seine Mutter die Tochter eines Bankiers. Jüdische Gelehrsamkeit gehörte zur Familientradition, der Großvater väterlicherseits war Rabbiner. Auch Leopold wurde schon im Kindesalter in Hebräisch unterwiesen, das er mit 13 Jahren fließend beherrschte. Der Ausbruch des 1. Weltkrieges veranlasste die Familie, 1914 nach Wien zu fliehen. Die drei Kinder absolvierten hier das Gymnasium; nach dem Willen des Vaters sollte Leopold die Universität besuchen. Zunächst fesselten ihn Freuds Gedanken zur Psychoanalyse, dann inskribierte er Philosophie. Eine größere Faszination übten auf ihn aber die Wiener Kaffeehäuser mit ihrem debattierfreudigen Publikum und den Stammtischen des "Wiener Kreises" aus. Die Psychoanalyse enttäuschte ihn bald durch ihre "Selbstgefälligkeit" und - wie Weiss später in seiner Autobiographie schrieb - weil sie es versäumte, "... neue Wege zum rechten Leben zu weisen". Auch schien ihm der Wissenschaftsbetrieb wohl zu trocken und es hielt ihn nur etwa ein Jahr an der Alma mater. 1920 ging er nach Berlin, wo er im Kreis der literarisch-künstlerischen Bohème seine Karriere-Chancen auslotete. Sein Vater nahm ihm den Studienabbruch übel und entzog ihm seine Unterstützung. Doch Leopold genoss, zum ersten Mal auf sich allein gestellt, zunächst seine Freiheit. In den Jahren der Weimarer Republik war Berlin eine pulsierende Kulturmetropole, die Künstler und Intellektuelle aus ganz Europa, vor allem aber aus Wien anlockte. Weiss berichtet in seinen Memoiren über Begegnungen mit Max Reinhardt, Bertold Brecht, Marlene Dietrich - doch wenn es um den Lebensunterhalt ging, teilte er das Schicksal der Bohème im Europa der Zwanzigerjahre. Sein erstes Geld verdiente der junge Mann als Drehbuchautor und Assistent des Regisseurs Friedrich W. Murnau; dazwischen musste er sich mit Telefondiensten bei der größten Nachrichtenagentur jener Zeit über Wasser halten. Durch einen Bekannten erfuhr der hellhörige Telefonist vom Besuch der Gattin Maxim Gorkis und machte ohne Genehmigung des Chefredakteurs mit ihr ein Interview. Die Sensationsmeldung brachte ihm zuerst eine Rüge, dann aber die Beförderung zum Hilfsredakteur ein. "Endlich war ich Journalist", begeisterte sich Leopold Weiss - war er doch seinen ehrgeizigen Plänen, die ihn bewogen hatten, Wien zu verlassen, ein Stück näher gekommen.

In Berlin lernte er Anfang der Zwanzigerjahre die Malerin Elsa Schiemann kennen. Die um etliche Jahre ältere, geschiedene Frau übte auf ihn eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus und zwischen den beiden entspann sich eine schicksalhafte Beziehung.

Aber noch ein Ereignis sollte das Leben des jungen Leopold Weiss maßgeblich verändern: im Frühjahr 1922 erhielt er einen Brief seines Onkels Dorian Feigenbaum, eines Psychoanalytikers, der nach Palästina ausgewandert und dort als Leiter der psychiatrischen Krankenanstalt "Ezrath Nashim" tätig war. Feigenbaum lud Leopold ein, einige Monate bei ihm in Jerusalem zu verbringen und der junge Mann willigte rasch entschlossen ein. Er war nicht abgeneigt, Europa eine Zeitlang den Rücken zu kehren, denn in ihm und um ihn waren Unruhe und eine latente Unzufriedenheit, die er selbst folgendermaßen beschrieb:

"Das waren sonderbare Jahre, jene frühen zwanziger Jahre in Mitteleuropa. Das weitverbreitete Gefühl gesellschaftlicher und moralischer Unsicherheit hatte eine Art verzweifelter Hoffnungsfreudigkeit hervorgebracht, die sich nunmehr in allerlei kühnen Versuchen auf den Gebieten der Musik, der Malerei und des Theaters äußerte und gleichzeitig auch zu tastenden, oftmals revolutionären Untersuchungen über die Morphologie der Kultur und Geschichte führte, aber Hand in Hand mit diesem gewaltsamen Optimismus ging eine seelische Leere - eine vage, zynische Gleichwertung aller Werte und Unwerte: denn man hatte angefangen, an des Menschen Zukunft zu zweifeln .... Trotz meiner Jugend war es mir nicht verborgen geblieben, dass es nach der Katastrophe des Weltkrieges nicht mehr mit rechten Dingen in der zerbrochenen, bitteren, gefühlsmäßig allzu hoch gespannten europäischen Welt zuging."

Die Reise nach Palästina führte Leopold Weiss über Kairo. Die Stadt und ihre Bewohner müssen auf ihn faszinierend gewirkt haben, wie aus seinen Aufzeichnungen hervorgeht:

"Ich stand ....einem mir gänzlich neuen Lebensgefühl gegenüber. Ein warmer, menschlicher Hauch schien aus dem Blute der arabischen Menschen in ihre Gedanken und Gebärden zu strömen; da war nichts von jenen schmerzhaften Seelenspaltungen zu sehen, jenen Gespenstern der Angst, Gier und innerer Verdrängung, die das europäische Leben so hässlich und hoffnungsarm machten. In den Arabern begann sich mir etwas zu offenbaren, wonach ich immer unbewusst gesucht hatte .... eine Vernunft des Herzens, möchte man beinah sagen."

Die lange Fahrt und die Zwischenaufenthalte nutzte Weiss für erste journalistische Beobachtungen. Die Reise führte über Constanza, das Schwarze Meer, durch den Bosporus nach Ägypten und von dort nach Jerusalem. Einige unterwegs von ihm verfasste Artikel schickte Weiss an europäische Zeitungen. Bald wurde er Sonderberichterstatter der Frankfurter Zeitung - der heutigen Frankfurter Allgemeinen - und erhielt außerdem einen Vertrag für sein erstes Buch. Bei seinem Onkel in Jerusalem hielt sich der unternehmungslustige junge Mann nicht allzu lange auf, da ihn seine neuen journalistischen Verpflichtungen bald kreuz und quer durch den Orient bis nach Teheran und auf späteren Reisen ins Innere Afghanistans führten. Dennoch knüpfte er in Palästina Bekanntschaft sowohl mit Arabern als auch mit jüdischen Einwanderern. In seinen Schriften bekannte sich Weiss zu seiner jüdischen Abstammung und setzte sich auch mit der "Sehnsucht des jüdischen Volkes nach einer Heimstätte" auseinander. Dem politischen Zionismus stand er jedoch ablehnend gegenüber; er sah darin lediglich "die Absicht, die Gesellschaftsproblematik von Europa nach Palästina verlagern", schreibt Günther Windhager in einer wissenschaftlichen Biografie des Leopold Weiss . Schon damals erschien es dem jungen Mann bedenklich, dieses Land für die Juden zu "einem Heimatland nach europäischen Vorbildern und mit europäischen Zielen" zu machen, während die Interessenlage der arabischen Bevölkerung ungeklärt blieb. Diese Meinung vertrat Leopold Weiss unter anderem in einem Streitgespräch mit Chaim Weizmann, dem damaligen Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation und späteren ersten Präsidenten Israels.

Dagegen hatte "bereits die erste Berührung mit der arabischen Lebenswelt in Ägypten ... auf ihn eine starke emotionale Wirkung. Er empfindet sie als krassen Gegensatz zum materialistisch geprägten Alltag in Europa ...", schreibt Günther Windhager und rekonstruiert, wie Weiss auf dieser zweiten ausgedehnten Orient-Reise der Gedankenwelt des Islams näher kam. Das Erlernen des Arabischen bedeutete für Leopold Weiss dank seiner Kenntnis des Hebräischen keine großen Schwierigkeiten. Wieder in Deutschland, nahm Weiss 1926 vor der Islamischen Gemeinde in Berlin den Islam an, einige Wochen später folgte diesem Entschluss auch Elsa Schiemann. Den muslimischen Namen Muhammad Asad nahm Leopold Weiss offenbar schon damals an, wobei "Asad", was "Löwe" bedeutet, dem "Leo" seines Vornamens nachempfunden ist.

Als Hintergrund für Weiss' Übertritt zum Islam ortet Windhager, dass "die Suche nach einem 'neuen Menschen', nach neuen Modellen des Zusammenlebens ... ein zentrales Motiv der europäischen Geisteskultur nach dem Ersten Weltkrieg" gewesen sei; er vermutet jedoch bei Weiss "den eigentlichen Kern als Ausdruck des subjektiven Verlangens ... nach neuer kultureller Identität." Folgt man dem Autor, so entbehrte dieser Schritt nicht einer gewissen Romantik: "Die Attraktivität, die vom Islam auf den jungen Journalisten ausging, war untrennbar an ein idealisiertes Bild der arabischen Beduinen geknüpft, in deren Gegenwart er sich selbst 'einen Augenblick lang mitten im 'rechten Leben' fühlte ... : 'Das Leben ist immer und von jeder Seite greifbar und für den Greifenden nicht belastend.' "

Muhammad Asad war aber mehr als bloß ein abenteuerlustiger Romantiker. Aus seinen tiefsinnigen Betrachtungen geht hervor, dass er sich die Entscheidung des Übertritts zum Islam nicht so leicht gemacht hat. Die Situation in Europa, die angesichts des aufkeimenden Antisemitismus für ihn als Jude besonders drückend gewesen sein muss, spielte dabei sicher eine Rolle. Am Anfang stand vielleicht eine individuelle Suche nach Gemeinschaft, die aber bald zur Suche nach Sinn, nach Lebensinhalt wurde.

Seine Konversion beschrieb rückblickend er als logischen Schritt: "Ich versuchte, mir mich selbst innerhalb des Kreises des Islams vorzustellen. Es war ein rein intellektuelles Experiment, und es eröffnete mir innerhalb sehr kurzer Zeit die richtige Lösung".

Angesichts der sozialen und gesellschaftlichen Umbrüche in Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der Auflösung des traditionellen Wertegefüges, der spirituellen Orientierungslosigkeit und den fortschreitenden Modernisierungsprozessen der europäischen Gesellschaft entdeckte Weiss für sich den Islam, den er als egalitäres Gesellschaftsmodell auffasste. Es steht in bemerkenswertem Gegensatz zum heute oft kolportierten Image des Islam, wenn Weiss in seinem zweiten Buch "Der Weg nach Mekka" (1955) schreibt:

"Das erste Beispiel einer offenen, ideologischen Gesellschaft im Gegensatz zu den geschlossenen, rassisch oder geographisch bedingten Gesellschaftsformen der Vergangenheit. Die islamische Botschaft forderte und gebar eine Zivilisation, in welcher der Nationalismus keinen Platz hatte, in welcher es keine Klasseninteressen gab, keine Klassenunterschiede, keine Kirche, kein Priestertum, keinen erblichen Adelsstand, und überhaupt keine erblichen Privilegien. Das Ziel war, eine Theokratie in der Beziehung zu Gott und eine Demokratie in den Beziehungen zwischen den Menschen zu errichten."

In seinen Werken begegnet uns Asad zwar als Wahrheits- und Gottsucher, jedoch scheint ihn am Islam besonders dessen praktische Dimension angezogen zu haben, als "ein Glaube ..., der stärker als je ein anderer das Leben auf dieser Erde bejaht ..."- so im Schlussteil seiner Autobiografie zu lesen. Er war jedoch nicht blind gegenüber der gewaltigen Kluft zwischen Ideal und Realität, die sich ja direkt vor seinen Augen in den muslimischen Ländern auftat. Deshalb kritisierte er wiederholt "die Unfähigkeit der zeitgenössischen Muslime", diese Ideale zu verwirklichen - ein Vorwurf, den auch andere muslimische Reformdenker geäußert haben, und mit dem sich die Muslime bis heute selbstkritisch auseinanderzusetzen haben.

In der jetzt wieder aufgeflammten Diskussion um die Demokratiefähigkeit des Islam gebührt Muhammad Asads Ideen mehr Aufmerksamkeit - auch von muslimischer Seite. In seiner idealistischen Darstellung fallen einige Punkte auf: Asad, der zu dieser Zeit schon eine profunde Kenntnis der islamischen Lehre erworben hatte, spricht von einer "offenen Gesellschaft", was in krassem Gegensatz zum heute verbreiteten Verständnis einer religiös begründeten Gemeinschaft steht. Dem Islam wird oft vorgeworfen, nicht nur Religion, sondern auch Ideologie zu sein - und ist denn eine ideologische Fixierung mit Offenheit vereinbar? Für Asad schließt Ideologie - im Sinne von Weltanschauung - eine offene Gesellschaft keineswegs aus.

Als weiterer wichtiger Punkt klingt die Idee einer "klassenlosen Gesellschaft" an - in einer Zeit, in der die russische Revolution dieses Prädikat für sich reklamierte, wohl eine gewagte Feststellung. Für Asad liegt sie jedenfalls im Anspruch der sozialen Gerechtigkeit und wirtschaftlichen Ausgewogenheit des Islam begründet - auch dies Ideale, die leider bis heute in keinem muslimischen Land umgesetzt werden konnten.

Der dritte Faktor, das Verhältnis von Theokratie und Demokratie, lässt einige Fragen offen. Muhammad Asad hat sich in späteren Arbeiten damit ausführlicher befasst.

Doch was hat es mit dem Buch "Der Weg nach Mekka" auf sich? Es ist - wie Asads Witwe Pola Hamida betont, seine "spirituelle Autobiographie". Zunächst aber lag eine ganz besondere Reise diesem Werk, das ein Bestseller wurde, zugrunde. 1927 brach Muhammad Asad von Berlin aus gemeinsam mit Elsa Schiemann und deren Kind aus erster Ehe zur großen Pilgerfahrt, der Haddsch, auf. Auf der ersten Station in Ägypten wurde die Konversion nochmals offiziell beglaubigt und eine islamische Ehe geschlossen. Elsa erhielt den Namen Aziza, ihr damals knapp zehnjähriger Sohn den Namen Ahmad. Dann brachen die drei nach Arabien auf und vollzogen die Riten der Pilgerfahrt. Kurz danach trat bei Elsa eine akute Malaria tropica-Infektion auf, die sich dramatisch auswirkte - sie starb im Juni 1927 in Mekka, wo sie auch begraben ist. Der Tod der langjährigen geliebten Gefährtin und Vertrauten traf Muhammad Asad schwer. Auf anstrengenden Touren ins Innere Arabiens suchte er Vergessen und lernte die Einsamkeit der Wüste kennen.

Heinrich Schiemann blieb noch über ein Jahr bei ihm, dann kam er - vor allem zwecks regelmäßigem Schulbesuch - zu Verwandten nach Deutschland. Schiemann wurde später selbst Wissenschaftsjournalist. Mit Muhammad Asad blieb er in Verbindung, solange dieser am Leben war. In den 50er Jahren verbrachte er einige Monate bei ihm in Pakistan. Im November 2002 starb Heinrich Schiemann im hohen Alter in der Nähe von Wiesbaden. An die gemeinsamen Reisen mit "Poldi" - so wurde Leopold Weiss von Verwandten genannt - erinnerte er sich bis zuletzt. Günther Windhager hat viel von Schiemanns Erinnerungen in sein Buch aufgenommen. Interessant ist, wie Schiemann das Islamverständnis seines Stiefvaters Muhammad Asad und das seiner Mutter in einem Brief vom 24.4.1997 an den Ethnologen Windhager beschrieb:

"P(oldi). (begeisterte sich) für die islamische Auffassung, dass - gottgewollt natürlich - das Geistige und das Materielle eine Harmonie bildete, wie es denn auch im Fleischlichen, Materiellen nichts Sündhaftes gibt, sagt der Muslim. P(oldi). und E(lsa). Sahen diese Weltsicht durch ein von ihm erahntes, islamisches Lebensgefühl bestätigt, erkennbar an den Bewegungen der Körper von Männern und Frauen, also an deren Sprache, Heiterkeit, an dem mit der Schöpfung im Einklang-Sein, und natürlich an der typischen Gelassenheit des Wesens. Man brauchte ja z.B. nur beobachten, wie eine Ägypterin Wasser aus dem Nil schöpft, den Krug dann auf dem Kopf, in einer geraden Haltung des ganzen Körpers, nach Hause trägt. Und so gibt es auch keine Hast, keine Verkrampfung. Und noch etwas kommt hinzu: Gott ist immer ganz nah beim Gläubigen, 'so nah, wie dir deine Schlagader ist' .... Und so beginnt jede Handlung, jede Mahlzeit, mit den Worten 'Bismillah', Im Namen Gottes, so wie die Mutter, die ihr Kind trägt, dieses Wort kurz ausspricht, wenn das Kind auf der Hüfte etwas zu weit nach unten rutscht und fallen könnte ....."

Im neu gegründeten Königreich Saudi Arabien avancierte Muhammad Asad zum Vertrauten Ibn Sauds und beriet den Herrscher in dieser sensiblen Zeit. 1930 heiratete er eine arabische Frau namens Munira; 1932 kam der Sohn Talal zur Welt. Im selben Jahr verließ Asad mit seiner Familie Saudi-Arabien und lebte bis 1939 in Britisch-Indien. Dort entfaltete er eine rege Publikationstätigkeit, lernte den Dichter und Philosophen Muhammad Iqbal kennen und beteiligte sich an den Vorbereitungen zur Staatsgründung Pakistans. Die aufklärerische Linie, welche die Arbeit Asads und Iqbals prägte, wird bis heute von Iqbals Sohn vertreten. Dr. Javed Iqbal ist Jurist und gehört dem pakistanischen Senat an. Obwohl er Muhammad Asad in den fünfziger Jahren nur kurz begegnete, lernte er dessen Ideen schätzen. In einem kürzlich geführten Interview äußerte er den Wunsch, dass der Reform-Islam heute kräftigere Lebenszeichen von sich geben solle. Er sieht in den europäischen Muslimen ein beachtliches Potential zur geistigen Erneuerung des Islam und nennt Muhammad Asad als einen frühen Vertreter dieser Strömung.

Während dieser Zeit wusste die Familie in Europa nicht viel von "Poldi". Seine Konversion zum Islam wurde von der Familie nicht gern gesehen, obwohl man eine liberal-jüdische Richtung vertrat. Dr. Martin Goldenberg, ein Halbbruder von Leopold Weiss, der in London lebt, erklärte in einem Interview die Skepsis der Familie:

"Die religiöse Überzeugung - wissen Sie, also mein Stiefvater, der war ein überzeugter - nicht ein Agnostiker, sondern ein Atheist. Die Idee, dass sein Sohn das Judentum offiziell verlassen hat, aber nicht dann als säkularer Mensch gelebt hat - das hätte man verstanden - sondern einer anderen Religion beigetreten ist, das hat ihn schwer getroffen. Warum weiß ich nicht. Aber schließlich hat sich das gelegt und nach dem Anschluss, als Poldi in Kaschmir gelebt hat, da hat er ja immer geschrieben und wir haben ihm geschrieben, da war das Verhältnis dann ein sehr günstiges. Aber sie haben sich nie wieder gesehen."

Diese zweite Aussöhnung zwischen "Poldi" und seinem Vater erfolgte leider nur brieflich. Jedenfalls bereitete die Bedrohung seiner Verwandten durch die Nationalsozialisten Asad im fernen Indien Sorgen und er versuchte, seinen Vater, seine Stiefmutter und seine Schwester zu sich nach Britisch-Indien zu holen. Ob Asad 1939 deshalb nach London reiste, ist Martin Goldenberg nicht bekannt. Er erzählt jedoch über den Kontakt mit seinem Stiefbruder:

"Es wurden Briefe gewechselt, er hat uns auch finanziell unterstützt. Aber wir konnten - nun, wir konnten wahrscheinlich aus Österreich heraus - ich selbst bin ja davon gekommen - aber man wusste nicht, wohin. Ich konnte aus bestimmten Gründen nach England kommen. Aber die britischen Behörden in Indien haben es nicht zugelassen, dass die Familie zu ihm kommt. Denn letzten Endes, nach dem Anschluss und bei Kriegsausbruch waren wir ehemalige Österreicher feindliche Ausländer. Heute sieht das alles sonderbar aus, aber das waren andere Umstände."

Dadurch waren Leopolds Rettungsversuche in tragischer Weise zum Scheitern verurteilt und die Familie wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert. Dort kam sein Vater Dr. Kiwa (Karl) Weiss noch im selben Jahr um; die Schwester Rachel und seine Stiefmutter wurden weiter nach Auschwitz und ins KZ Stuttgart verschleppt, wo sie das Kriegsende nicht erlebten.

Muhammad Asad selbst galt als österreichischer Staatsbürger der britischen Verwaltung ebenfalls als "feindlicher Ausländer" und wurde bis 1945 in Indien interniert. Nach der Teilung Indiens flüchtete Asad mit seiner Familie ins neu gegründete Pakistan. Fünf Jahre lang war er dort im Außenministerium tätig. 1952 wurde er Gesandter Pakistans bei den Vereinten Nationen in New York. In diese Zeit fällt die Trennung von seiner arabischen Frau Munira, die mit dem Sohn Talal in London geblieben war. Asads Halbbruder, der Zahnarzt Goldenberg, nahm sich dort des Buben an. Es ist verständlich, dass das Verhältnis zwischen Vater und Sohn Asad nach der Scheidung der Eltern nicht konfliktfrei war. Erst in späteren Jahren wurde das Verhältnis zwischen beiden wieder harmonischer. Talal Asad studierte in London. Zeitweise war er bei seiner Mutter in Saudi Arabien, bis sie 1978 starb. Heute ist er Professor für Anthropologie und lebt mit seiner Frau in den USA. Mit dem mittlerweile betagten Martin Goldenberg ist er noch immer in Verbindung.

Während seiner Zeit als UNO-Diplomat in New York machte Asad die Bekanntschaft einer jungen amerikanischen Muslimin namens Pola Hamida, die er schließlich heiratete. Er verließ schon 1953 den diplomatischen Dienst und lebte mit seiner Frau, die aus Polen stammte, abwechselnd in New York, Deutschland, Pakistan und der Schweiz. Es entstanden weitere Bücher und Aufsätze, für Radio Bern gestaltete er eine Sendereihe unter dem Titel "Islam und Abendland - Begegnung zweier Welten". 1961 erschien sein Werk "The Principles of State and Government in Islam" in einer Erstausgabe der Universität Berkeley in Kalifornien. Dieses bemerkenswerte Buch liefert zwar kein fertiges Rezept, es gibt jedoch Denkanstöße für ein demokratisch-islamisches System, die konsequent weiter gedacht werden sollten. Er kritisierte auch die Jahrhunderte lange Entrechtung der muslimischen Frau und betrachtete ihren Zugang zur Bildung als eine Voraussetzung für den Fortschritt der islamischen Welt. Asad, der den Islam - in Anlehnung an einen Koranvers - stets als einen Weg der Mitte bezeichnete, lebte von 1964 bis 1983 in Tanger, Marokko. Dort, wo er von seinem hochgelegenen Domizil, der "Villa Asadiya" von den Hügeln auf Stadt und Meer blicken konnte, entstand sein Hauptwerk, eine ausführlich kommentierte Koran-Übertragung, die durch ihre wissenschaftlichen Gedankengänge besticht. In späteren Lebensjahren hat Muhammad Asad dem Konflikt um das Heilige Land weiterhin große Aufmerksamkeit gewidmet, und Ende der 70er Jahre plädierte er in einer Botschaft an die Muslim Students Association in den USA dafür, dass Jerusalem als "offene Stadt" für Juden, Christen und Muslime gleichermaßen zugänglich sein solle.

Die Verwirklichung islamischer Ideale in der muslimischen Welt hat Muhammad Asad nicht erlebt. Das enttäuschte ihn zwar, die hohen Ansprüche der Lehre standen für ihn jedoch außer Zweifel. Nach wechselnden Aufenthalten in muslimischen und westlichen Ländern ließ er sich im Alter in Spanien nieder. Denn die Geschichte des Islam in Andalusien mit ihrer feinsinnigen Kultur und ihrer weit reichenden Toleranz kam seinem Ideal am nächsten. Im Laufe seines Lebens schrieb er über viele Aspekte des Islam; sein wichtigstes Werk ist das bereits erwähnte Tafsir, die Koran-Übertragung ins Englische . Über seine Arbeiten sagte der deutsche Konvertit Muhammad Aman Hobohm, ein enger Freund Asads, in einem Interview:

"Die Prämisse, von der er ausging war, dass die Lehren des Islam in keiner Weise dem Verstand zuwider laufen, dass sie natürlich - da es sich beim Islam um eine Religion handelt - verstandesmäßiges Erfassen der Wahrheit ergänzen durch den Glauben. Aber er war der Meinung, dass man sich lösen müsse von alten Schablonen und von einer Auslegung des Koran und auch anderer Schriften des Islam, die nicht einer verstandesmäßigen Kritik oder Überprüfung standhalten. Das hat natürlich dazu geführt, dass er bei traditionellen Kreisen auf Ablehnung stieß. Jahrelang war seine Koran-Übersetzung in Saudi-Arabien verboten. Ich weiß nicht, ob sich das inzwischen geändert hat, aber man meint, dass sein Rationalismus in der Deutung des Koran zu weit gegangen sei. Für mich und für die meisten europäischen Konvertiten zum Islam, vor allem für jene, die nachdenken, ist er ein Wegweiser in seiner Darstellung des Islam."

Muhammad Asad starb am 20. Februar 1992 und hat auf dem muslimischen Friedhof von Granada seine letzte Ruhestätte gefunden.

Vielleicht war er ein Visionär - er war aber gleichzeitig auch Realist. Sein Verhältnis zum Islam vermied jegliche Extreme, denn die Vernunft, die er mit dem Islam untrennbar verbunden sah, gebot und gebietet einen Weg der "goldenen Mitte". In diesem Sinne hat Asad auch den Koran-Vers 143 in der 2. Sure, ausgelegt, in dem die Muslime als eine "Gemeinschaft der Mitte" bezeichnet werden. Asad interpretiert dies als eine Gemeinschaft, die sich im Gleichgewicht halten solle, anstatt in Extreme zu verfallen und die die Natur und Möglichkeiten des Menschen realistisch einzuschätzen habe. Diese Ideen haben für die Muslime Europas heute mehr Aktualität denn je. Muhammad Asads Islam-Verständnis ist nicht an Dogmen gebunden - er unternahm das geistige Abenteuer, aus dem vielfältigen Material der islamischen Geschichte das Beste zu extrahieren und in einem modernen Kontext zur Diskussion zu stellen: "Für Menschen, die denken" - so lautet die Widmung seiner Koran-Übertragung.


von Lise J. Abid
Die in diesem Artikel erwähnten Interviews wurden von der Verfasserin durchgeführt
Quelle: Homepage der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich
 

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